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4. Internationale Wuppertaler Verkehrstage - 2007 "Verkehrsinfrastruktur für eine alternde Gesellschaft – Wie planen wir heute UNSER Morgen richtig"

Am 26. und 27. März 2007 fanden in Wuppertal die 4. Internationalen Verkehrstage statt. Über 200 Teilnehmer aus 13 Ländern wie Israel, Albanien, dem Libanon und der Republik Korea kamen nach Wuppertal, um sich über die Auswirkungen der demografischen Veränderungen auf das Verkehrsgeschehen und die damit verbundenen notwendigen Anpassungen der Verkehrsinfrastruktur zu informieren und auszutauschen. Über 20 hochkarätige Referenten, unter anderem aus Norwegen, Spanien und Großbritannien, erörterten auf der Fachtagung die veränderten Anforderungen an Planung, Entwurf und Betrieb der Verkehrsinfrastruktur in einer alternden Gesellschaft.

Das Fachzentrum Verkehr der Bergischen Universität Wuppertal hatte unter Leitung von Univ.-Prof. Dr.-Ing. Jürgen Gerlach gemeinsam mit Partnern wie dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat, der Eugen-Otto-Butz-Stiftung und dem ADAC Stadt- und Verkehrsplaner, Consultants, Fachjournalisten sowie Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Verwaltung aus dem In- und Ausland zum interdisziplinären Austausch von Erkenntnissen und Handlungsansätzen nach Wuppertal eingeladen.

Großen Anklang bei den Teilnehmern fand das breite Spektrum der Tagung. Nach einer Einführung zu den demografischen Veränderungen und den Einfluss auf die Verkehrssituation in Europa wurden zunächst die Fähigkeiten im Alter sowie Kompensationsmöglichkeiten erörtert. Spannend war es zu hören, dass der Mensch im hohen Alter durchaus noch sehr lernfähig ist und sich neuen Regelungen anpassen kann. Die Neuropsychologie hat diesbezüglich neue Erkenntnisse gewonnen, die die Anpassungsfähigkeit älterer Menschen eindrucksvoll belegen. Entscheidend ist es allerdings, neue Aufgaben einfach zu gestalten, schrittweise vorzugehen und zu trainieren. Planer und Entscheidungsträger sollten diese Voraussetzungen bei jeglichen Umgestaltungen wie Straßenneu- oder -ausbaumaßnahmen berücksichtigen und behutsam vorgehen.

Die Themenblöcke „Stadt- und Verkehrsplanung unter besonderer Berücksichtigung der Mobilität im Alter“ und „Neue Aspekte zur Barrierefreiheit und Design für alle“ beleuchteten daraufhin die zu erwartenden veränderten Bedürfnisse. Es wurden aber auch Lösungsansätze vorgestellt, wie die Stadt als Lebensraum attraktiv gestaltet werden kann. Heftig diskutiert wurde dabei der Ansatz des „Shared Space“, bei welchem der Straßenverkehr entregelt, Schilder abgebaut und Flächen für den Kfz-, Rad- und Fußgängerverkehr ohne jeglichen trennenden Elemente einheitlich gestaltet werden sollen. Derartige Lösungen sind in den Niederlanden schon im Einsatz und erzielen durchaus Erfolge, da die gegenseitige Kommunikation und Rücksichtnahme im Vordergrund steht und langsamer gefahren wird. Die Gemeinde Bohmte (Niedersachsen) wird bis 2008 ein solches Konzept in Deutschland umgesetzt haben – es bleibt abzuwarten, ob ältere Menschen mit solchen Lösungen klar kommen. Fraglich ist auch, bis zu welchen Verkehrsmengen Mischverkehrsflächen, wie in Deutschland bei verkehrsberuhigten Bereichen („Spielstraßen“) und bisher nur geringen Verkehrsbelastungen üblich, eingesetzt werden können.

Einigkeit bestand in dem Sachverhalt, dass Barrierefreiheit für alle Beteiligten Vorteile bringt. Ein „Design für Alle“ wird dabei sowohl den demografischen Veränderungen als auch dem Ziel der Nachhaltigkeit gerecht. Der Rad- und Fußgängerverkehr wurde intensiv betrachtet, da gerade in Deutschland jeder zweite getötete Fußgänger und jeder zweite getötete Radfahrer über 65 Jahre alt ist. Insofern gibt es gerade in Bezug auf eine stärkere Berücksichtigung der Belange dieser schwächeren Verkehrsteilnehmer Handlungserfordernisse, die statt einer gängigen Planungspraxis des Straßenraumes von Innen nach Außen eine Dimensionierung von Außen nach Innen bedürfen; sprich: erst die Verkehrssicherheit für Menschen auf Rad- und Gehwegen gewährleisten und dann erst die verbleibende Leistungsfähigkeit und Breite der Fahrbahn festlegen. Dazu ist ein Umdenken vieler Planer erforderlich, wobei der notwendige Prozess im Rahmen der Tagung erörtert wurde. Klar war, dass es neuer Instrumente, wie des Sicherheitsaudits, d. h. der systematischen Überprüfung neuer Planungen durch unabhängige Sicherheitsprüfer bedarf, um gerade die Verkehrssicherheit älterer Menschen – aber natürlich insbesondere auch von Kindern – in den Blickwinkel der Planer und Entscheidungsträger zu rücken.

Abschließend wurde der Fokus auf ältere Kraftfahrer gerichtet. Neuere Unfalluntersuchungen haben ergeben, dass ältere Fahrer mit komplexen Situationen immense Schwierigkeiten haben. Viele Unfälle ergeben sich beispielsweise beim Linksabbiegen älterer Verkehrsteilnehmer – insbesondere bei gleichzeitiger Freigabe entgegenkommender Geradeausfahrer an signalisierten Knotenpunkten. Derartige Steuerungen sollen in Zukunft vermieden werden – diese und ähnliche Konsequenzen nahmen die Teilnehmer mit in ihre Planungspraxis und es ist zu wünschen, dass die Belange älterer Menschen tatsächlich stärker in den Vordergrund gerückt werden.

Begleitet wurde die Veranstaltung von einer Fachausstellung, auf der z. B. Produktlösungen für barrierefreie Verkehrsraumgestaltung vorgestellt wurden. In einem interaktiven Ausstellungsbereich hatten die Teilnehmer die Gelegenheit, in einem Age-Explorer, einem Anzug zur Simulation von Alterserscheinungen, die körperlichen Beeinträchtigungen des Alterns am eigenen Leib zu spüren. An anderer Stelle konnte man sich von einem Betroffenen über einen Blindenparcours führen lassen und die Schwierigkeiten dieser Personengruppe am eigenen Leib erfahren.

Einig waren sich alle Experten über Folgendes: Jetzt ist die Zeit zu handeln! Verkehrsinfrastrukturmaßnahmen, die heute umgesetzt werden, haben eine Lebensdauer von 30 bis 50 Jahren. Daher ist es wichtig, dass schon HEUTE das Umdenken für MORGEN einsetzt.

 

Tagungsband:
Verkehrsinfrastruktur für eine alternde Gesellschaft: wie planen wir heute unser Morgen richtig?
ISBN 978-3-7812-1668-6
Kirschbaum Verlag, 2007